“Appell für mehr kritischen Journalismus”

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Stefan Niggemeier schreibt heute in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”:

“Deutschland erlebt, wie es der Publizist Friedrich Küppersbusch formuliert, gerade die „Einberufung zum Wehrdienst“ – und dabei hätten die Medien noch nicht einmal die Grundausbildung absolviert. Oft genug scheint es, als zögen sie mit in den Kampf, anstatt gerade auch die „eigene Seite“ mit der größtmöglichen Distanz zu begleiten. Das zeigt sich in der Reduzierung des Konfliktes auf einen Kampf gegen einen gefährlichen, unberechenbaren, bösen Mann: Wladimir Putin. Es zeigt sich im Schimpfwort von den „Putin-“ oder gar „Russland-Verstehern“. Es zeigt sich in der Marginalisierung von Stimmen und Nachrichten, die dem vorherrschenden Narrativ vom Aggressor Russland und dem Westen, der nur hehre Ziele verteidigt, widersprechen.

Mathias Bröckers und Paul Schreyer haben ein Buch geschrieben, das die andere, fehlende Perspektive enthält. „Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ ist auch dann lesenswert, wenn einen die Nähe der Autoren zu Verschwörungstheorien schreckt und man ihre Analysen nicht teilt. Es dokumentiert genügend Merkwürdigkeiten in der Entwicklung dieses Konfliktes, die Anlass wären, seine vorherrschende schlichte Interpretation anzuzweifeln, kritische Fragen zu stellen, die Behauptungen nicht nur der russischen Seite, sondern auch des Westens und seiner Verbündeten in der Ukraine mit größtmöglicher Skepsis zu behandeln. Es ist letztlich ein Appell, sich nicht mit den einfachen Antworten, die in ein vorgegebenes Schema passen, zufriedenzugeben, ein ganz banaler Appell für mehr kritischen Journalismus. Auch dieses Buch verkauft sich gut und hat es auf die Paperback-Bestsellerliste des „Kultur Spiegels“ geschafft – aber keine große Debatte in den Medien ausgelöst, die es kritisiert. Dabei wäre auch das eine vertrauensbildende Maßnahme. Doch der „Spiegel“ stellte sich nicht einmal der Diskussion um sein Titelblatt „Stoppt Putin jetzt“ und den dazugehörigen Leitartikel, ein besonders bestürzendes Beispiel für Hurra-Journalismus, das Gewissheiten behauptet, wo bis heute Unklarheit herrscht, und markig ein „Ende der Feigheit“ gegenüber Putin, dem „Paria der Weltgemeinschaft“, fordert.

(FAS. 2.11.2014, S. 41)

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